In Jesolo ohne Beanstandung, vor der WM infrage gestellt: Warum Reese Esponda am Boden umbauen muss – und weshalb ihr Trainer Patrick Kiens die späte Entscheidung kritisiert. Mit einem Kommentar von Matthias Wellmer.

Reese Esponda
Kurz vor den Weltmeisterschaften in Rotterdam muss Reese Esponda ihre Bodenübung ändern. Ihr Trainer Patrick Kiens schildert den Grund im GymCastic-Interview vom 14. Oktober: Die FIG beanstandet die Einordnung eines Elements.
Esponda verbindet einen Barani – einen Vorwärtssalto mit halber Schraube – mit einem Doppelsalto rückwärts. Laut Kiens beginnt die Schraube nach Auffassung der FIG zu früh: Ihre Ausführung werde als seitwärts statt vorwärts eingeordnet.
Das ist für den Aufbau der Übung entscheidend. Nach Abschnitt 13.3 des FIG-Regelwerks muss eine Bodenübung sowohl einen Rückwärts- als auch einen Vorwärtssalto innerhalb ihrer Akrobatikbahnen enthalten. Diese Anforderung ist 0,5 Punkte wert. Ein seitwärts gerichtetes Element erfüllt sie nicht.
Espondas einziger Vorwärtssalto fällt damit laut Kiens weg. Bei unveränderter Übung würden ihr die 0,5 Punkte fehlen. Eine mögliche A-Einstufung des Elements löse das Problem nicht.
Kiens verweist auf Jesolo: Beim FIG-sanktionierten Wettkampf unter Leitung von Donatella Sacchi sei Espondas Element unbeanstandet geblieben. Auch Kampfrichterinnen der Kategorien 1 und 2 hätten zuvor keine Einwände angesprochen.
„Das ist, finde ich, der Athletin gegenüber unfair.“
Der Umbau beeinträchtige die Konstanz, sagt Kiens: „Es hat sogar Folgen für die Mannschaftsaufstellung.“ Einfachste Alternative sei eine frühere Verbindung: Vorwärtssalto mit Ausschritt in den Doppelsalto rückwärts.
IMAGO / Newscom WorldDie Angaben zur Mitteilung der FIG und zur früheren Beurteilung in Jesolo stammen von Kiens. Eine schriftliche Einzelfallentscheidung der FIG liegt uns nicht vor. Die beiden Zitate sind aus dem Englischen übersetzt; im Interview stehen sie ab 2:44 und 3:01 Minuten.
Von Matthias Wellmer
Reese Esponda soll sich unmittelbar vor einer Weltmeisterschaft auf eine andere Bewertung einstellen. Trainierte Abläufe ändern, eine neue Verbindung absichern und trotzdem auf den Punkt bereit sein. Die Verantwortlichen teilen eine Entscheidung mit. Die Turnerin muss sie körperlich umsetzen.
Genau das darf nicht der selbstverständliche Umgang mit solchen Zweifelsfällen sein. Turnerinnen dürfen nicht die Leidtragenden widersprüchlicher FIG-Entscheidungen werden. Wenn eine Ausführung bei einem internationalen Wettkampf unter FIG-Regeln unbeanstandet bleibt, müssen sich Athletin und Trainer darauf verlassen können, dass grundsätzliche Einwände rechtzeitig kommen.
Für mich muss dabei derselbe Leitgedanke gelten wie vor Gericht: in dubio pro reo. Im Zweifel für die Betroffene. Auf die sportliche Bewertung übertragen heißt das: Bleibt die Einordnung widersprüchlich oder unklar, muss die höhere Wertung zugunsten der Turnerin akzeptiert werden.
Diesen Maßstab verlange ich auch von der FIG. Im Fall Esponda heißt das: Die Anerkennung als Vorwärtssalto muss für diese WM erhalten bleiben, solange der Widerspruch zur bisherigen Beurteilung nicht nachvollziehbar geklärt ist. Die Folgen dieser Unklarheit dürfen nicht auf Reese abgewälzt werden.
Regeln dürfen präzisiert und Fehler korrigiert werden. Aber wer sie auslegt, muss die Folgen seiner Entscheidungen verantworten: klare Kriterien, rechtzeitige Hinweise und faire Übergänge. Wenige Tage vor dem wichtigsten Wettkampf der Saison ist eine Turnerin keine geeignete Adresse für ungelöste Bewertungsfragen.